Berliner Tage

Mappe I
GESTERN UND HEUTE
Bernd K. Lörz (bkl)
September 2015. Ich verbringe einen Monat in Berlin. Stürze mich in das Alltagsleben dieser pulsierenden Metropole. Das bleibt nicht ohne Folgen. Eine noch unsortierte und unreflektierte Menge an Erlebnissen und Eindrücken sammeln sich als Texte in meinen Notizen und in meiner Fotodatenbank. Jeder Tag in dieser Stadt belebt mich mehr und brennt sich mit all den täglichen Ereignissen in mein Gedächtnis, meine Empfindungen ein. Bereits bei meiner Abreise aus Berlin ist mir klar, dass die Aufarbeitung dieser BERLNER TAGE einiges an Zeit in Anspruch nehmen wird. Sofern ich das überhaupt jemals schaffe.
Es ist bereits Dezember, die Tage werden immer kürzer, die Nächte schon spürbar kälter, aber noch immer überwiegen die sonnigen Tage und die milden Temperaturen am Tag. Kaum zu glauben, aber es will einfach nicht Winter werden. Die Zeit rast dahin und insbesondere die politischen Ereignisse national und international überschlagen sich. Das alles überlagernde Thema seit diesem Herbst sind die Flüchtlinge. Als ob es sich um ein unvorhersehbares, über Nacht eingetretenes Wunder handelt zeigt sich die gesamte deutsche Politik verwundert, dass sie auf einmal da sind, diese Flüchtlinge, und das in dieser bisher nicht vorstellbaren großen Zahl. Wie naiv oder machtversessen muss man eigentlich sein, um diese Überraschung dem Wahlvolk verkaufen zu können. Tausende von Menschen finden seit Langem den Tod bei dem Versuch über das Mittelmeer zu fliehen. Seit Jahren steigt die Zahl von Millionen von Menschen, die sich auf der Flucht vor Krieg, Gewalt, Unterdrückung und Verfolgung befinden. Von nahezu 60 Millionen Menschen weltweit spricht die UNO-Flüchtlingshilfe. Was ist da eine Million Menschen, die zu uns ins wohlhabende Deutschland kommt? Das müssen wir in der Tat schaffen und nach meiner Auffassung noch deutlich mehr. Wer fragt nach den Ursachen bei diesem Spiel, nach den Profiteuren von Waffenlieferungen, Krieg und globaler Wirtschaft, die ihren einträglichen Teil dazu leisten, dass Menschen nicht mehr friedlich und mit gesicherter Existenz in ihrer Heimat leben können. Bei dieser Seite der Medaille sind wir Deutschen und Europäer voll mit dabei. Warum dann nicht auch auf der anderen Seite der Medaille, wenn es um Hilfe, Aufnahme und Sicherung eines menschenwürdigen Lebens geht? Sind 80 Millionen Deutsche überfordert, eingeschränkt oder gar bedroht, wenn ein oder gar zwei Millionen Flüchtlinge zu uns kommen. Das sind gerade mal 2,5 %. Da muss man nicht lange darüber nachdenken und reden, sondern einfach handeln für eine gemeinsame Zukunft mit all diesen Menschen. Millionen von Menschen in Deutschland sind dazu auch bereit. Und dennoch ist es dramatisch besorgniserregend, dass in diesem Jahr bereits über 1.600 Straftaten gegenüber Flüchtlingen verübt wurden. Das sind tagtäglich mehr als vier Übergriffe. Aber das ist nur die Spitze des Eisberges „Rechtsradikalismus“. Die Polizei erfasste in der übergeordneten Kategorie "Ausländer-/Asylthematik" Straftaten, die im Zusammenhang mit der Flüchtlingsdebatte oder anderem Fremdenhass stehen. Im laufenden Jahr bis Mitte November wurden hier 3625 - ebenfalls zum Großteil rechtsmotivierte - Delikte erfasst, etwa doppelt so viel wie im vergangenen Jahr. Das sind dann schon täglich zehn Straftaten. Was ist das für ein Land. Was entwickelt sich da? Und das vor dem Hintergrund unserer eigenen Vergangenheit. Wo ist die Massenbewegung gegen RECHTS? Wenn alle immer von Demokratie reden, dann darf man auch mal die Frage stellen, ob wir denn heute überhaupt genügend Demokraten im Land sind um, die rechtsradikalen Kräfte zu bändigen. Die Geschichte lehrt uns, dass es am Ende der Weimarer Republik nicht genügend Demokraten gab um die Naziherrschaft zu verhindern. Daran sollten wir uns erinnern und endlich ein Zeichen gegen RECHTS setzen.
Das Flüchtlingsthema allein ist schon ein richtiger Brocken, aber nicht genug, da gibt es ja auch noch den Terrorismus. Die Liste der Anschläge in diesem Jahr ist lang. Ob gegen das Magazin Charlie Hebdo, Anschläge in Tunis, der Türkei, dem Irak oder wie zuletzt in Paris. Ob diese von radikal islamistischen Kräften ausgeführten Anschläge oder rechtsradikale Übergriffe auf Flüchtlingsheime, Terror in der Ukraine oder wo auch immer, der Terrorismus verfolgt uns weiterhin weltweit. In zu bekämpfen ist notwendig, aber auch hier ist es eine Frage der Mittel. Wer unterstützt wie und mit was diese Organisationen oder Gruppen, wie lässt sich dies wirkungsvoll verhindern, ja untersagen und verbieten. Gleich von Krieg zu reden und in Form eines Vergeltungsschlages das Militär auf den Plan zu rufen, entspricht nicht meiner Überzeugung. Mit Krieg und Waffen wurden Konflikte auch in der Vergangenheit nicht bewältigt. Man schaue nur in den Irak. Warum sollte dies nun auf einmal anders sein? In der Folge werden neue Aggressionen gezüchtet und wieder werden unschuldige Menschen die Opfer sein und ggf. zur Flucht genötigt.
Ich müsste nun eigentlich noch auf das Thema Klima und die UN-Klimakonferenz in Paris eingehen oder den ersten Armutsbericht der Landesregierung BW. Auch das sind aktuelle Ereignisse. Ich stelle das zurück, da es mir im Wesentlichen darum geht zu beschreiben, warum, ob all dieser Ereignisse, es mir nicht leicht gefallen ist mich auf die Bearbeitung meines „Berlin-Materials“ zu konzentrieren. Es ist daher auch nicht verwunderlich, dass mich diese Themen bei der Bearbeitung meiner ersten Mappe zu den BERLINER TAGEN beeinflusst haben.

GESTERN UND HEUTE
ist der Titel dieser Mappe, die aus acht Blättern besteht. Die Motive schlagen einen Bogen, stellen Verbindungen her, erinnern und vergleichen, was war und was heute ist oder sein sollte. Die Arbeiten sollen dazu anregen, einfach mal stehen zu bleiben, inne halten, Position beziehen, einen Standpunkt einnehmen – bevor es gleich wieder weitergeht in der unendlichen Schnelligkeit unserer Zeit. Die persönlichen, individuellen Vergleiche von GESTERN UND HEUTE kommen dabei dann bei allen von alleine hoch.

Zu den einzelnen Blättern
Bei der Bearbeitung der einzelnen Motive gingen mir neben der Bildgestaltung auch immer wieder Texte durch den Kopf, die ich zunächst auf dem jeweiligen Blatt mit aufzeigen wollte. Das hat mich tagelang beschäftigt. Dabei entstanden immer wieder neue Textbrocken oder –zeilen und alte wurden dafür gestrichen. Am Ende empfand ich es dann doch etwas zu belehrend, den Motiven auch noch Texte beizufügen, die sich aus meiner Sicht der Dinge ableiteten. Ich wollte die Sicht der Betrachter auf die Arbeiten damit nicht einschränken. Also habe ich mich in der Folge dazu entschieden, es bei einem Titel für das jeweilige Blatt zu belassen.

Mit zwei kleinen Textbeispielen möchte ich kurz darauf eingehen, wie einzelne Arbeiten entstanden sind. Das gilt dann analog auch für die anderen Blätter.

FREIHEIT – wieder vereinigt
Ganz bewusst beginne ich die Mappe mit einer Arbeit mit dem Titel: FREIHEIT – wieder vereinigt.
Höre ich das Wort, den Begriff FREIHEIT kommt mir immer sofort das Bild „Die Freiheit führt das Volk“ von Eugène Delacroix, das ich vor einigen Jahren im Louvre in Paris gesehen habe in den Sinn. Die wuchtige Kraft, mit der „Marianne“ als Symbolfigur der Freiheit mit wehender Fahne die Barrikaden stürmt, zeigt mir sinnbildlich alles was Freiheit ausmacht. Ich bin frei, ich gehöre nur mir selbst, ich entscheide über mein Handeln und Tun.
Natürlich befindet sich der Freiheitsbegriff davon unabhängig in einer ständigen Diskussion über Fragen des Zusammenlebens in einer Gemeinschaft unter Berücksichtigung sozialer, kultureller, religiöser, wirtschaftlicher und politischer Gegebenheiten. Darüber darf gestritten werden, dürfen unterschiedliche Auffassungen aufeinander prellen, solange dies mit Toleranz und Respekt geschieht und die Freiheit des Einzelnen, die Bereitschaft zu einem friedlichen Miteinander, die Verurteilung von Gewalt und Rassismus und die Gleichheit aller sichergestellt ist.
Ausgangsmotiv für meine Arbeit ist das Brandenburger Tor. Es verkörpert in seiner langen Geschichte Elemente von Unfreiheit wie Freiheit.
Mit meinem künstlerischen Ausdrucksmittel compainting zeichne, male ich ein Bild, dessen Konturen verschwimmen, sich in den Formen verändern bis auflösen. Es soll Unsicherheit herausfordern, Signale von Auflösungsprozessen senden, Wachsamkeit provozieren und zum Nachdenken anregen in einer Welt die bunt und vielfältig bleiben soll.

ZEICHEN setzen
Ein Ausgangsmotiv, das Tausende von Touristen bereits als Foto festgehalten haben. Als Erinnerungsfoto sitzend auf den Betonblöcken mit Snack und Cola in der Hand. Meine Sichtweise kann dies nicht sein. Für mich hat daher der Begriff des Erinnerungsfotos in diesem Zusammenhang eine andere Bedeutung.

Ich versuche das Licht mit seinen unterschiedlichen Wirkungen auf Strukturen, Farben, Kontraste und Atmosphäre festzuhalten. Eine Stimmung neu zu interpretieren. Dabei überlagern sich Licht und Schatten und bringen so das ganze Bild in Bewegung. Menschen werden zu in Farbe erkennbaren fließenden Formen, aber erkennbar eher am Rande des Geschehens. Diese Art von Malerei ist dann schon ein Hauch von Impressionismus.

Stellen wir uns vor, wir befinden uns auf der freien Fläche im Vordergrund des Bildes, gerade beim Eintritt in die vor uns liegenden Gänge. Nun lassen wir die Erinnerungen über uns hereinbrechen und setzen sie mit jedem Schritt im inneren der sich ständig kreuzenden Gänge in eine Verbindung zum Heute. Zu den Überfällen auf Flüchtlingsheime, den Rassismus-Parolen der Pegidas, den Hassattacken in den sozialen Netzwerken und der Gleichgültigkeit vieler „Demokraten“. Dann sind wir am Ende des Ganges angekommen vielleicht soweit, ein Zeichen zu setzen.

Titel der weiteren Blätter:
Die Entstehung des NEUEN
AbLUFT – über dem Parlament
SPUREN der Zukunft
MAHNMAL und BOTSCHAFT
Wannsee -- WAHNsee
DEMOKRATIE – Menschen hört die Signale
Abwaerts
AusBlicke
AusWeg
Ausblick
ERinnerungen
Freiheit
MahnMal
Wannsee Wahnsee
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